Podiumsdiskussion "Die Unsichtbare Stadt - ein Blick hinter die Kulissen"
Datum: 22.04.2010
Ort: Wien
TINA VIENNA Veranstaltung
Foto v.l.n.r.: Mag.a Heidrun Maier (Verband der Öffentlichen Wirtschaft und Gemeinwirtschaft Österreichs), DI Andreas Ilmer (Wien Kanal), Claudia Schanza, Chefredakteurin "Forschen & Entdecken", Mag. Robert Grüneis (Wien Energie), DI Hans Sailer (MA 31 - Wiener Wasserwerke), DI Josef Thon (MA 48 - Abfallwirtschaft)
Podiumsdiskussion am 22.4. im Rahmen der Ausstellung "Das Wissen Wiens: Urbane Technologien und Strategien"
Viele der städtischen Infrastrukturdienstleistungen in Wien sind rund um die Uhr, für viele unsichtbar, im Einsatz. Welche Qualitäten der Stadttechnologien benötigt eine Stadt, um eine zeitgemäße Daseinsvorsorge zu gewährleisten? Was ist am wenigsten sichtbar, aber am bedeutendsten? Welche Qualitäten sind im Städtevergleich besonders bemerkenswert? Was würde am meisten fehlen, wenn es nicht da wäre?
Diese und weitere Fragen wurden im Rahmen der Podiumsdiskussion, die am Donnerstag, den 22. April im Rahmen der Ausstellung "Das Wissen Wiens: Urbane Technologien und Strategien" in der Wiener Planungswerkstatt stattfand, diskutiert.
An der lebhaften Diskussion nahmen Mag.a Heidrun Maier (Verband der Öffentlichen Wirtschaft und Gemeinwirtschaft Österreichs), DI Andreas Ilmer (Wien Kanal), Mag. Robert Grüneis (Wien Energie), DI Hans Sailer (MA 31 - Wiener Wasserwerke) und DI Josef Thon (MA 48 - Abfallwirtschaft, Straßenreinigung und Fuhrpark) teil. Moderiert wurde von Claudia Schanza, Chefredakteurin „Forschen & Entdecken“.
Mag.a Maier wies in ihrem Eingangsstatement auf die Wichtigkeit kommunaler Leistungen hin, die für die meisten unsichtbar sind und erst bemerkt werden, wenn sie plötzlich nicht funktionieren. Anhand von Vergleichen mit Brüssel erläuterte sie die Unterschiede zwischen Städten sowie die Vorzüge der Wiener Stadt- und Umwelttechnologien. Sie betonte wie wichtig es sei, die Leistungen der Stadt im Bereich der Daseinsvorsorge in der öffentlichen Verwaltung zu belassen. Dass eine Ausgliederung in diesem Bereich nicht sinnvoll ist, ist anhand mehrerer Beispiele ersichtlich. Auch auf die Bedeutung der kommunalen Zusammenarbeit wies sie hin.
DI Ilmer ging auf die Besonderheiten und die Dimension des Wiener Kanalsystems ein. Gefragt nach der Geruchsbelastung erläuterte er das ausgeklügelte Entlüftungssystem des Wiener Kanalnetzes. So können die Wiener Kanäle bspw. ohne Atemschutz begangen wer-den. Angesprochen auf visionäre Konzepte und künftige Ideen berichtete DI Ilmer über Forschungsprojekte der Kläranlage, die sich damit beschäftigen, den Energieverbrauch der Kläranlage zu vermindern (Projekt sternE). Als visionäres Projekt nannte er auch den Wiental-Kanal, der in dieser Form einzigartig ist. Dadurch kann bei Starkregen das überschüssige Wasser direkt im Stadtgebiet gesammelt und anschließend an die Kläranlage weitergeleitet werden.
Als spezielle Wiener Lösung im Energie-Bereich präsentierte Mag. Grüneis die Fernkälte, eine neue technische Lösung, durch die momentan das AKH sowie Gebäude der Universität für Bodenkultur in der Muthgasse versorgt werden. In diese neue Technologie sollen in den nächsten Jahren 50 Mio. Euro investiert werden.
Grundsätzlich funktioniere die Energieversorgung durch Wien Energie, die in ein gutes System eingebettet ist, nach dem bewährten Wiener Modell. Dieses bringt Wärme und Licht und beruht darauf, dass auch Wärme, die bei der Müllverbrennung entsteht, genutzt wird. Rund 70% des Energiebedarfs werden in Wien aus eigenen Anlagen gedeckt. Neben der Versorgungsleistung hat Wien Energie aber auch den gesellschaftlichen Auftrag, die Bevölkerung zum Energiesparen zu motivieren und das Bewusstsein zu schaffen, dass Energie wertvoll ist. Als visionäre und zukünftige Projekte im Energiesektor wurden das Biomassekraftwerk, die Trinkwasserleitungskraftwerke und die Nutzung von Geothermie (bspw. bei der Seestadt Aspern). Besonders wichtig ist hier einen Mix aus bereits bewährtem Modell und neuen innovativen Lösungen anzuwenden.
Auch die Wiener Wasserversorgung stellt eine sehr spezielle Lösung dar, da das Wiener Hochquellensystem einmalig ist. Insgesamt umfasst das Wiener Rohrnetz 3.200 Kilometer. DI Sailer betonte, das besondere daran sei auch, dass das Wasser nur bei 8% der Leitung gepumpt werden muss und der Energiebedarf somit sehr gering ist. Darüber hinaus wird im Wiener Wasserleitungsnetz auch Strom produziert, nämlich 65 Mio. KWh pro Jahr in 13 Kraftwerken. Auch aus ökologischer Sicht ist die Wiener Wasserversorgungssystem daher beeindruckend: bei der Wasserversorgung wird im Prinzip die Energie, die in der Kläranlage benötigt wird, produziert. Dadurch entsteht ein einzigartiger geschlossener Kreislauf. Der Wasserbedarf ist in Wien grundsätzlich leicht rückläufig, derzeit werden 140 Mio km³ Wasser pro Jahr verbraucht, in den 1970er Jahren waren es 180-190 Mio. Große Einsparungen konnten aber durch das intensive Rohrnetzsanierungsprogramm der Stadt erreicht werden, dadurch wurden die Rohrnetzverluste von 25 auf 7-10% verringert. Wien ist führend im Bereich der grabenlosen Rohrnetzerneuerung und -verlängerung (Bsp. Inlining-Verfahren). Die Stadt Wien ist in dem Bereich sehr innovativ und hat auch den Mut neue Wege zu gehen – denn ein neues Verfahren muss auch getestet werden und funktioniert nicht beim ersten Versuch.
Auch im Bereich Abfall ist Wien Pionier, da Abfall als kostbares Gut und wichtiger Rohstoff gesehen wird. DI Thon ging auf die Entwicklung im Bereich der Wiener Abfallwirtschaft ein, erklärte die wichtigsten Schritte am Weg von Mülldeponie/Müllberg zum Beginn der getrennten Sammlung, der Energienutzung und der Sanierung von Altlasten. In Wien ist diese Vorgangsweise mittlerweile selbstverständlich, in vielen anderen Ländern ist das aber nicht der Fall. Auch die Idee des Rinterzelts, die anfangs aufgrund der technischen Gegebenheiten und der fehlenden Akzeptanz bei der Wiener Bevölkerung noch nicht einwandfrei umsetzbar war, heute aber problemlos funktioniert und eine Wiener Besonderheit darstellt, wurde erläutert. Dadurch entsteht ein geschlossener Kreislauf, Müll wird gesammelt und per Computer getrennt, anschließend thermisch verwertet und auch die dabei entstehende Asche/Schlacke kann weitergenutzt werden.
Resumé der interessanten Diskussionsrunde war, dass die Leistungen der Stadt im Bereich der Daseinsvorsorge unverzichtbar und wertvoll sind und eine Menge Know-how aufgebaut wurde. Dieses Wissen, über das Wien im Bereich der Stadt- und Umwelttechnologien verfügt, wird auch international weitergegeben.
Informationen zur Ausstellung sowie zu den weiteren Donnerstags-Gesprächen finden Sie hier.