Podiumsdiskussion "Smart City Wien – wie sieht die städtische Energieversorgung im Jahr 2030 aus?"
Datum: 06.05.2010
Ort: Wien
TINA VIENNA Veranstaltung
Foto v.l.n.r.: DI Andreas Eigenbauer (Energie & SEP-Koordination in der MA 27 – EU Strategie und Wirtschaftsentwicklung), DIin Isabella Kossina (Beteiligungsmanagement GmbH der Wiener Stadtwerke), Claudia Schanza, Chefredakteurin „Forschen & Entdecken“, Mag.a DIin Dr.in Brigitte Bach, MSc (Austrian Institute of Technology)
Podiumsdiskussion am 06.05. im Rahmen der Ausstellung "Das Wissen Wiens: Urbane Technologien und Strategien"
Was sind die Trends für die städtische Energieversorgung der Zukunft? Wie wird die Stadt der Zukunft mit Energie versorgt? Wie wird Heizen und Kühlen im Wien des Jahres 2030 funktionieren? Welche Visionen bestehen für Forschung und Praxis? Welche Techniken werden im Bereich des Klimaschutzes angewendet? Welche Lösungen zum Energiesparen gibt es? Wie werden erneuerbare Energieträger eingesetzt? Welche Best Practice Projekte gibt es? Diese und weitere Fragen wurden im Rahmen der Podiumsdiskussion, die am Donnerstag, den 6. Mai im Rahmen der Ausstellung "Das Wissen Wiens: Urbane Technologien und Strategien" in der Wiener Planungswerkstatt stattfand, diskutiert. An der Diskussionsrunde nahmen Mag.a DIin Dr.in Brigitte Bach, MSc (Austrian Institute of Technology), DIin Isabella Kossina (Beteiligungsmanagement GmbH der Wiener Stadtwerke) und DI Andreas Eigenbauer (Energie & SEP-Koordination in der MA 27 – EU Strategie und Wirtschaftsentwicklung) teil. Moderiert wurde von Claudia Schanza, Chefredakteurin „Forschen & Entdecken“.
Energieversorgung in Zukunft
Mag.a DIin Dr.in Brigitte Bach, MSc ist Forscherin des Jahres 2009 und leitet das Department Energy des AIT (Austrian Institute of Technology). In ihrem Impulsstatement zur Diskussionsrunde zum Thema „Smart City Wien – wie sieht die städtische Energieversorgung im Jahr 2030 aus“ spannte sie einen weiten Bogen und sprach über die großen Veränderungen im Energiebereich. Alles bewege sich Richtung weniger CO²-Emissionen und mehr Umweltschutzmaßnahmen. Die Problemstellung sei, wie man künftig Energie erzeugt, und vor allem wie man die Energieeffizienz steigern kann. Eine große Frage sei auch welche erneuerbaren Energieträger eingebunden werden können und wie weit man hier gehen kann (dies führte sie am Beispiel des Passivhauses aus). Auch die Stadt Wien setzt in dem Bereich Aktivitäten, wie das Biomassekraftwerk, Solarpanele etc. – allerdings seien das momentan noch recht wenig, so Dr.in Bach.
Die Frage, wie die Energieversorgung einer Stadt in Zukunft funktionieren wird, ist für alle Städte bedeutsam, da diese Zentren immer wichtiger werden – momentan ziehen weltweit 1,4 Mio. Menschen pro Woche in eine Stadt. Das zeigt umso deutlicher, dass Technologien in dem Bereich weltweit benötigt werden. Auch die EU beginnt daher, das Thema der „Smart City“ intensiv zu diskutieren – im SET-Plan (Strategieplan für Energietechnologie) wurden Energieeffizienzziele und Maßnahmen dazu festgelegt.
Das Energiesystem einer Stadt muss künftig intelligent gesteuert werden können. Dabei könnte auch das Thema der thermischen Energieerzeugung von Bedeutung sein, evtl. könnte es zu einer Verschiebung von Wärme zu Energie kommen. Generell werden intelligente Lösungen gesucht, bspw. sollen auch die Gebäude mit Intelligenz versehen werden, sodass sie mit anderen Netzen „kommunizieren“ und auch als Speicher dienen. Diskutiert wird auch immer wieder die Elektromobilität, auch hier geht alles in Richtung smart (= intelligent).
Die Entwicklung im Energiebedarf ist aber nie nur für sich zu betrachten. Auch andere Entwicklungen liegen vor uns die mit der Energiefrage nichts zu tun haben (Bsp. Wirtschaftskrise etc.), sie aber dennoch beeinflussen. Von Seiten der Forschung müssen neue Methoden entwickelt werden um diese Entwicklungen zu verstehen.
Stadt Wien – aktuelle Situation
DI Andreas Eigenbauer, Leiter der Energie & SEP-Koordination in der MA 27 – EU Strategie und Wirtschaftsentwicklung erläuterte anhand eines Energieflussbildes anschaulich den derzeitigen Energieverbrauch der Stadt Wien, erklärte welche Sektoren am meisten Energie verbrauchen, wie viel Energie wirklich benötigt wird und wo die größten Verluste entstehen. Besonders beim Endkunden sind die Verluste momentan sehr groß.
DIin Isabella Kossina (Geschäftsführerin der Beteiligungsmanagement GmbH der Wiener Stadtwerke) wies darauf hin, dass Wien auf dem besten Weg sei die Klimaschützerin Nr. 1 in Österreich zu werden. Anhand des aktuellen Nachhaltigkeitsberichts der Wiener Stadtwerke erläuterte sie, dass hier vor allem die Erzeugung von Fernwärme aus Müll oder auch der Modal Split (811 Mio. Fahrgäste sind mit den Wiener Linien unterwegs und verbrauchen dafür nur 6% des Energiebedarfs) zentrale Themen sind. Das Ziel der Stadt Wien ist es, diese Bilanz noch zu verbessern, indem beispielsweise die Fernkälte ausgebaut wird und mehr auf den öffentlichen Verkehr gesetzt wird.
Langfristiges Denken bei Energiefragen
Dr.in Bach weist darauf hin, dass es bei Energiefragen vor allem immer auch um Infrastrukturthemen geht. Diese Tatsache verleiht der Diskussion Qualität, da jede Infrastrukturentscheidung – wie sie auch fällt – immer viel Geld kostet, sehr langfristig ist und lange halten muss. Es sind viele Köpfe gefragt und die Entscheidungsfindung soll durch die Einbeziehung möglichst vieler eine neue Qualität erreichen. Daher muss besonders im Energiebereich genau überlegt werden, wenn gute Ideen da sind und von der Stadt umgesetzt werden sollen. Momentan wird hier viel Positives getan – auch in Wien ist viel passiert – und es geht in kleinen Schritten in die richtige Richtung. Es gibt aber dennoch europaweit noch sehr viel zu tun.
Autarke Energieversorgung
Wäre eine Energiespargemeinde wie Güssing auch in Wien denkbar? DIin Kossina weist darauf hin, dass hier immer die Gesamtbetrachtung notwendig ist. Ziel in Wien ist auch die Versorgungssicherheit und eine autarke Versorgung wäre in der Form in Wien nicht möglich und auch nicht sinnvoll. Und in manchen Bereichen sind die Wiener Werte im Vergleich besser, so DIin Kossina. Auch DI Eigenbauer stimmt zu, dass ein derartiges Vorhaben in der Größenordnung in Wien nicht umsetzbar wäre. Dr.in Bach fügt hinzu, dass das schon allein aufgrund der Dichtheit der Menschen, , in größeren Städten nicht möglich wäre. Generell ist das Konzept der Autarkie ihrer Meinung nach kein Konzept der Zukunft. Vielmehr sind Austausch und Kommunikation nötig um Energiebedarf bei Überschuss oder Engpässen ausgleichen zu können. Durch diese Intelligenz wäre sehr viel möglich. DI Eigenbauer stimmt zu, dass Versorgungssicherheit nur über Solidarität und nicht über Autarkie funktioniere.
Abhängigkeit von Erdgas
Angesprochen auf Gas als Energiequelle und evtl. Versorgungsprobleme durch entstehende Abhängigkeiten meint DI Eigenbauer, dass eine Abhängigkeit von Gas besteht, die Versorgung aber sichergestellt und zudem weiter verbessert werden soll, bspw. soll die Durchleitungsfähigkeitkeit in zwei Richtungen sichergestellt werden und die Nabucco-Leitung soll errichtet werden, wodurch auch Österreich eine wichtige Rolle bei der Erdgasversorgung hätte.
Vision & Ausblick
Was ist nun die Vision der städtischen Energieversorgung im Jahr 2030? DIin Kossina meint, dass sich der hohe Standard in Wien halten wird und man sehen wird, dass sich jetzige Maßnahmen (bspw. Fernwärme etc.) rechnen und es einfacher werden wird, auch Klimaschutzmaßnahmen aus wirtschaftlichen Aspekten durchzuführen.
In den letzten zwei Jahrzehnten sei viel passiert und diese Entwicklung würde sich auch in den folgenden fortsetzen, so DI Eigenbauer. Den größten Strukturumbruch wird es seiner Meinung nach im Bereich „Treibstoffe“ geben – evtl. wird künftig die größte Gefahr sein, von einem lautlosen Fahrzeug überrollt zu werden. Ansonsten werden die Veränderungen aber im Stadtbild nicht sichtbar sein. Erdgas wird grundsätzlich der dominierende Energieträger bleiben. Und die Stadt Wien wird vor der Aufgabe stehen, 300.000 Menschen mehr in das Verbrauchsnetz einzubinden.
Auch Dr.in Bach sieht die Entwicklungen ähnlich. Ihrer Meinung nach werden die fossilen Anteile zurückgehen (müssen) und auch Gas in einzelnen Haushalten zurückgedrängt werden wird. Weiters wird Elektromobilität künftig ein sehr wichtiges Thema sein. Die große Frage der Zukunft wird aber sein: Was passiert wenn Gas substituiert werden muss?
Genauer gefragt zum Thema „Elektromobilität“ meint Dr.in Bach, dass das E-Mobility-Fahrzeuge derzeit noch sehr teuer und das hauptsächlich eine Material- und Sicherheitsfrage ist. In dem Bereich wird es aber im Forschungsbereich noch große Forschritte geben und in 10-15 Jahren werden E-Fahrzeuge schon auf sehr breiter Basis zu erwerben sein. Als Hauptnutzen der E-Fahrzeuge nennt sie die nicht vorhandenen Emissionen und die erhöhte Effizienz der E-Motoren. DIin Kossina merkt an, dass Konzepte notwendig sein werden, um die Gesamtmobilität zu verändern. Es soll kein schlechtes Auto durch ein gutes ersetzt werden, sondern versucht werden auf den ÖPNV zu wechseln. Nur dort wo es keine öffentliche Anbindung gibt, sind E-Mobility-Konzepte sinnvoll.
Auch das Thema Biotreibstoffe, die nicht zur Genüge vorhandene Fläche um die Rohstoffe dafür herzustellen und die Konsequenz für die Welternährung wurde im Rahmen der Diskussion angesprochen.
Abschließend meint DI Eigenbauer, dass Wien im EU-weiten Vergleich sehr gut liegt, die Emissionswerte im Vergleich ausgezeichnet seien und alles daran gesetzt wird, diese Entwicklung fortzusetzen.
Informationen zur Ausstellung sowie zu den weiteren Donnerstags-Gesprächen finden Sie hier.