(Streit)Gespräch "Stadt mobil – Vom Stadtverkehr zur Mobilität im Kopf"

Datum: 10.06.2010
Ort: Wien
TINA VIENNA Veranstaltung

Foto v.l.n.r.:  DI Bernhard Engleder (MA 28 - Straßenverwaltung und Straßenbau), Claudia Schanza (Chefredakteurin "Forschen und Entdecken"), o.Univ.Prof. Dr. Jens Dangschat (TU Wien)

 

 

(Streit)Gespräch am 10.06. im Rahmen der Ausstellung „Das Wissen Wiens: Urbane Technologien und Strategien"

Am Donnerstag, den 10. Juni fand im Rahmen der Ausstellung "Das Wissen Wiens: Urbane Technologien und Strategien" in der Wiener Planungswerkstatt ein moderiertes (Streit)Gespräch zwischen o.Univ.Prof. Dr. Jens Dangschat (TU Wien) und DI Bernhard Engleder (MA 28 - Straßenverwaltung und Straßenbau) zum Thema "Stadt mobil - Vom Stadtverkehr zur Mobilität im Kopf" statt. Moderiert wurde von Claudia Schanza (Chefredakteurin „Forschen & Entdecken").

Veränderungen im Mobilitätsbereich der Stadt Wien
Wie hat sich die Stadt und die Mobilität in den letzten Jahren verändert? Dr. Dangschat nennt als bedeutendste Veränderung den Bereich des Fahrradverkehrs. Man habe in Wien realisiert, dass die Menschen nicht nur am Wochenende radeln, sondern das Fahrrad auch für ihre täglichen Wege in der Stadt nutzen wollen. Hier wurde in Wien einiges gemacht, das derzeitige Angebot ist aber noch nicht zufriedenstellend. Es sei aber natürlich auch schwierig, Radwege in die bestehende Infrastruktur einzubauen, so Dr. Dangschat. Veränderungen gibt es auch beim Umgang mit dem öffentlichen Verkehr. Man geht wieder etwas ab von der Tendenz, den öffentlichen Verkehr nur unter die Erde zu verbannen. Auch dass die U-Bahn künftig am Wochenende rund um die Uhr verfügbar sein wird, sieht Dr. Dangschat sehr positiv und als notwendige Entwicklung im Vergleich mit anderen Großstädten.

Laut DI Engleder habe sich der Bereich der Straßenverwaltung stark in Richtung Stadtgestaltung verändert, die Abteilung ist bspw. auch für Rad-/Gehwege und die Gestaltung des öffentlichen Raum zuständig - der motorisierte Individualverkehr wird dabei als Teil des gesamten Verkehrssystems gesehen. Im Vergleich zu früher spielt die Verkehrsfläche für das Auto nun eine untergeordnete Rolle, Fahrstreifen werden oft reduziert und für RadfahrerInnen zur Verfügung gestellt, so unterstreicht auch DI Engleder die wichtige Rolle des Fahrradverkehrs.

Effizientes Verkehrsmanagement - ITS Vienna Region
DI Engleder ist auch federführend in der Betreuung des Projekts ITS Vienna Region, das eine Vorstufe zu effizientem Verkehrsmanagement darstellt. Dabei können Verkehrsrouten online abgerufen werden. Derzeit gibt es eine Webversion unter www.anachb.at und auch eine smartphone-fähige Version wird in Kürze zur Verfügung stehen. Das System ist für den gesamten Verkehrsverbund Ost verfügbar und soll auch österreichweit weiterentwickelt werden. Das besondere an diesem Instrument ist dessen Intermodalität; d.h. es stehen nicht nur Routeninformationen für den motorisierten Individualverkehr sondern auch für Verkehrsträger des Umweltverbunds (Öffentlicher Verkehr, Fahrrad und zu Fuß) zur Verfügung. Damit kann auch gezeigt werden, dass man mit den „Öffis" meist schneller in der Stadt unterwegs ist als mit dem privatem PKW, so DI Engleder. Mit Projekten wie ITS Vienna Region soll auch aufgezeigt werden, wie man bestehende Infrastruktur besser nutzen kann und effiziente und zukunftsfähige Lösungen bietet.

Lösung Elektromobilität?
Elektromobilität sei in jedem Fall eine Lösung aufgrund der verringerten CO2 Belastung, so Dr. Dangschat. Es gibt aber wie immer zwei Seiten und generell kann nicht alles durch Technologie gelöst werden. Für die zukünftige Entwicklung der Mobilität seien umfassendere Konzepte notwendig. Für DI Engleder ist Elektromobilität nicht die Lösung im Moment, da die Stromerzeugung mehr Nuklearenergie/fossile Brennstoffe notwendig machen würde. Generell soll die Strategie auch nicht sein zusätzlichen Individualverkehr zu forcieren, sondern den öffentlichen Verkehr bzw. die Nutzung des Fahrrads zu stärken.

Visionen & Strategien für die Zukunft
Für das Thema der urbanen Mobilität erachtet Dr. Dangschat ein größeres Konzept als notwendig. Die Verkehrsanbieter müssten dabei ihre Logik erweitern. Als Beispiel nennt er das Projekt „aspern - die Seestadt Wiens". Hier werde die Verkehrserschließung seiner Meinung nach noch zuwenig innovativ gedacht: die U-Bahn erschließt das Gesamtgebiet und anschließend wird auf Busse umgestiegen. Dr. Dangschat vermisst jedoch einen öffentlichen Verkehr „im neuen Stil" direkt im Entwicklungsgebiet. So könnte etwa ein Konzept der geteilten Autonutzung mit Elektroautos angedacht werden. Die Autos würden an zentralen Punkten abgestellt und von verschiedenen Personen je nach Bedarf genutzt und wieder zurückgebracht werden. Diese gemeinsame Nutzung würde auch eine Verhaltensänderung bewirken.
Das würde natürlich auch große Investitionen bedeuten und es stellen sich Fragen wie nach Finanzierbarkeit, Fuhrparkmanagement etc.
Ähnliche Konzepte sind international etwa für „Masdar City" in Abu Dhabi geplant und Dr. Dangschat würde es als Chance für Wien sehen, hier im europäischen Raum sehr weit vorne zu sein.

DI Engleder merkt an, dass die Erschließung von aspern durch die U2 vorbildlich sei. Die Grundidee bei der Organisation des öffentlichen Verkehrs in aspern selbst stärker in die Tiefe zu gehen sei verfolgenswert. Das Stadtentwicklungsgebiet Aspern sei vorbildlich an den öffentlichen Verkehr angebunden und es zeige sich hier bereits jetzt ein wesentlicher Unterschied in der Qualität der Erschließung im Vergleich zu vergangenen Stadtentwicklungsprojekten (Bsp. Wienerberg), DI Engleder.

Wann funktionieren Mobilitätskonzepte?
Im Rahmen der abschließenden Publikumsdiskussion wurden auch in der öffentlichen Wahrnehmung oft nicht so gut funktionierende Projekte, wie z. B. die Gasometer, angesprochen. Hier liege die Problematik aber in anderen Bereichen, so Dr. Dangschat. Etwa daran, dass der Branchenmix im Einkaufszentren nicht optimal funktioniere.

Generell sei der Straßenraum und die Erdgeschossnutzung wichtig, denn nur das ergibt Stadt. Dr. Dangschat kritisiert hier auch die durchgeführten Bauträgerwettbewerbe, da es keinen Sinn mache, einen Wohnbau neben den anderen zu stellen und Gemeinschaftsräume anzubieten.

Zum von Dr. Dangschat angesprochenen „Bahnhof Wien Mitte" meint Engleder, dass es hier noch keine Festlegung zur Gestaltung des öffentlichen Raums gibt, die Gestaltung aber in jedem Fall auch mit der Fertigstellung des Umbaus abgeschlossen sein wird. Gerade weil der öffentliche Raum hier so klein ist, sei er besonders wichtig, so Dr. Dangschat.

 

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