Vortrag und Podiumsdiskussion "Wien, aber sicher – zwischen qualitätsvoller Infrastruktur und punktuellen Interventionen"
Datum: 29.04.2010
Ort: Wien
TINA VIENNA Veranstaltung
Foto v.l.n.r.: DIin Susanne Lettner, MBA (Stadtbaudirektion, Gruppe Tiefbau), PhD Prof. Massimo Bricocoli (TU Mailand), DI Dr. Michael Lichtenegger (Wiener Linien), Claudia Schanza, Chefredakteurin "Forschen & Entdecken", DI Josef Thon (MA 48 – Abfallwirtschaft, Straßenreinigung und Fuhrpark), DI Erich Petuelli (MA 19 – Architektur und Stadtgestaltung)
Impulsvortrag und anschließende Podiumsdiskussion am 29.4. im Rahmen der Ausstellung "Das Wissen Wiens: Urbane Technologien und Strategien"
Wie sicher fühlen sich die WienerInnen in ihrer Stadt? Was heißt Sicherheit in der Stadt? Was macht sie aus? Wie steht es um das objektive und subjektive Sicherheitsgefühl in Wien? Wo sind die Grenzen städtischer Möglichkeiten und: wie wird sich die Sicherheit in Wien in Zukunft verändern? Auf diese und weitere Fragen ging PhD Prof. Massimo Bricocoli (TU Mailand) in seinem Impulsvortrag, der am Donnerstag, den 29. April im Rahmen der Ausstellung "Das Wissen Wiens: Urbane Technologien und Strategien" in der Wiener Planungswerkstatt stattfand, ein. Anschließend wurden die Fragestellungen im Rahmen einer Podiumsdiskussion, an der DI Dr. Michael Lichtenegger (Wiener Linien), DIin Susanne Lettner, MBA (Stadtbaudirektion, Gruppe Tiefbau), DI Erich Petuelli (MA 19 – Architektur und Stadtgestaltung) und DI Josef Thon (MA 48 – Abfallwirtschaft, Straßenreinigung und Fuhrpark) teilnahmen, thematisiert. Moderiert wurde von Claudia Schanza, Chefredakteurin „Forschen & Entdecken“.
Sicherheit in der Stadt – am Beispiel Wien
In seinem Impulsvortrag schilderte Prof. Bricocoli seine Beobachtungen zum Thema Sicherheit am Beispiel der Stadt Wien. Er ging darauf ein, was Sicherheit in der Stadt allgemein bedeute und was sie ausmache. So ist Stadt der Ort, an dem sich globale sozioökonomische Veränderungen in seiner ganzen Komplexität zeigen, ein Testfeld für innovative Projekte und Politiken, lokales Umfeld in dem Sicherheitsfragen auftreten und auch Adressat für Sicherheitsfragen von Seiten der Bevölkerung.
Sicherheit bedeutet, sich angstfrei bewegen zu können, eine Wohnung zu haben, einen Beruf auszuüben, Zugang zu Ausbildung zu haben und über Kontakte zu Familie und Freunden zu verfügen. Sicherheit entsteht aus dem Zusammenspiel von sozialen, räumlichen und wirtschaftlichen Faktoren.
Das Konzept der Sicherheit ist ambivalent, erläutert er, und hat zwei Dimensionen, einerseits die zivile (öffentliche Ordnung und öffentliche Sicherheit) und andererseits die soziale (Mindesteinkommen, Beschäftigungsmöglichkeit, soziale Absicherung). Aufgrund der Veränderung dieser Voraussetzungen ist die Sicherheit heute oftmals gefährdet und das betrifft vor allem auch immer weitere Bevölkerungsschichten.
Die Wahrnehmung von Sicherheit und die Diskussion darüber variiert im jeweiligen Umfeld und wird in den verschiedenen europäischen Städten unterschiedlich aufgenommen. In Hamburg und Amsterdam ist die Bevölkerung bspw. relativ gut auf Veränderungen vorbereitet (aufgrund des Hafens und der Tradition im Handel), in Paris resultiert Unsicherheit vor allem aus sozialer Trennung und Konflikten. Und auch in italienischen Städten wie Neapel und Mailand entsteht Unsicherheit v. a. durch organisierte (Banden)Kriminalität – ein klassisches Problem, das durch fehlende Wohnungs- und Sozialpolitik entsteht.
Ist Wien hier anders? Auch die Wiener Stadtverwaltung diskutiert über die Sicherheitsthematik, allerdings vor einem anderen Hintergrund. In Wien stellt Unsicherheit bislang kein ernsthaftes Problem dar. Dies geht aus zahlreichen Untersuchungen hervor, in denen Wien immer wieder zu den Städten mit höchster Lebensqualität gezählt wird. Das Sicherheitsgefühl in einer Stadt hängt vor allem auch von subjektiven Faktoren ab, die zeigen, dass die Wahrnehmung oft wichtiger ist als die Kenntnis realer Daten, bspw. überwiegt in den Wiener innerstädtischen Fußgängerzonen trotz vieler Taschendiebstähle ein sicheres Gefühl.
Im Rahmen einer städtischen Sicherheitspolitik braucht es laut Prof. Bricocoli vor allem Projekte, die soziale, ökonomische und räumliche Aspekte der Sicherheit berücksichtigen. Gerade in Wien gibt es solche Projekte, die einen starken Einfluss auf die Sicherheit haben, ohne „Sicherheitspolitik“ im engeren Sinn zu sein. Als Beispiel dafür nannte er das Gebiet des Wiener Gürtels, das durch zahlreiche Interventionen eine enorme Aufwertung erlebte. Der Gürtel wird heute von unterschiedlichen Personengruppen genutzt, Diversität ist dabei eine neue Qualität geworden (ohne zu Verdrängungseffekten zu führen). Diese Veränderung war durch das gezielte Zusammenwirken von unterschiedlichen Akteuren in integrierten Pro-jekten möglich und führte auch zu einer Verbesserung des Sicherheitsgefühls.
Das Thema „Gürtelrevitalisierung“ wurde auch in der anschließenden Diskussionsrunde weiterbehandelt. DI Petuelli stellte die Zone Gürtel, die im Rahmen eines EU-Projekts revitalisiert wurde, als Gebiet dar, das 24 Stunden pro Tag funktioniert, eine Mischung aller Bevölkerungsgruppen bietet, die das Gebiet friedlich nebeneinander nutzen und Lärmentwicklung gleicherweise in den Lokalen und auf der Straße stattfindet. Als weiteres Beispiel einer derartigen gemeinsamen Nutzung nannte er die Donauinsel.
DI Thon erläuterte die Maßnahmen im Bereich der Abfallwirtschaft im Rahmen der Revitalisierung. Momentan sind 25 Leute pro Tag für die Reinigung des Gürtels zuständig und auch die Sauberkeit auf den Märkten wurde entsprechend verbessert. Auch aufgrund der neu geschaffenen Radwege etc. erzielt man heute ein komplett anderes Bild und bietet nicht zuletzt ein schönes Wohngebiet.
Auch durch die gesteigerte Mobilitätssicherheit entlang der U6 wurde das Sicherheitsgefühl in dieser Zone erhöht, die auch eine wichtige Verkehrsachse für viele Bezirke darstellt, so DI Dr. Lichtenegger. Der Umbau der Stationen, der Einbau von Liften und die Verwendung neuer barrierefreier U-Bahn-Garnituren – das sind nur einige der Maßnahmen.
DI Lettner wies auch auf die Neu-Gestaltung des Margaretengürtels hin, die zum Sicherheitsgefühl beitrug – einige Maßnahmen waren hier die Aufteilung Straße – Straßenbahn, Verbesserung der Lichtverhältnisse, Schaffung von Spielplätzen sowie die verbesserten Am-pelschaltungen.
Ziel: Erhöhung des Sicherheitsgefühls
In der weiteren Podiumsdiskussion ging DI Lettner auf das Thema Licht ein, da dieses wesentlich zum Sicherheitsgefühl in Wien beiträgt. Sie erläuterte dabei die Kriterien des Mas-terplan Lichts, der das Konzept der Stadt Wien im Umgang mit dem Thema Licht darstellt. In diesem Papier ist u.a. festgelegt, welche neuen Technologien in Wien zum Einsatz kommen, um das Sicherheitsgefühl durch mehr Licht zu verbessern.
Als weitere Maßnahme zur Verbesserung des subjektiven Sicherheitsgefühls nennt DI Dr. Lichtenegger die in den U-Bahn-Stationen installierten Kameras, die auch zum Schutz der Objekte dienen. Weiters erläuterte er, dass in Wien öffentlich unterwegs zu sein, die sicherste Mobilitätsform sei.
Gefragt nach innovativen Sicherheitslösungen im Bereich der Abfallwirtschaft, merkte DI Thon an, dass in Wien viele Innovationen bereits in vergangenen Jahren und Jahrzehnten durchgeführt wurden, bspw. in der Entsorgung von Abfall und Altlasten. Diese Bereiche tragen wesentlich zum Sicherheitsgefühl in Wien bei. Hier geht es vor allem darum, den hohen Standard zu erhalten.
Als Sicherheitsaspekte im Bereich der Stadtplanung nannte DI Petuelli, die Sicherheit beim Benutzen der Wege in der Stadt, die Koordination verschiedener Nutzungsarten (bspw. Anlieferung, Nutzung durch Touristen, Bewegung in der Nacht etc. in der Kärntnerstraße bzw. dass die Wege für alle Personengruppen nutzbar sein müssen) sowie die gute Erkennbarkeit öffentlicher Räume. Generell muss Planung nach Jahren auch wieder überdacht werden, wie das bspw. momentan am Karlsplatz der Fall ist, so DI Petuelli.
Auch für andere Kommunen hat Wien im Bereich der Sicherheit Vorbildwirkung. Wien hat das Image einer sauberen und sicheren Stadt, meint DI Petuelli, und internationale Gäste kommen nach Wien um sich Ideen und Meinungen zu holen. Und auch für internationale Architekten ist Wien ein interessantes Pflaster.
Sicherheitsgefühl durch Kontrolle?
DI Thon erläutert am Beispiel der Waste Watcher, dass Sicherheit auch viel mit Ordnung und Regeln zu tun habe. Die Idee hinter Maßnahmen wie dieser sei, zu erreichen, dass viele Menschen darüber reden und die Stadt/ den öffentlichen Raum als „ihres“ sehen. Gemeinsame Regeln sollen damit eingehalten werden und der Raum sauberer und sicherer werden.
Auch bei den Wiener Linien wird ähnlich vorgegangen, so DI Dr. Lichtenegger. MitarbeiterInnen der Wiener Linien sind in den U-Bahn-Linien unterwegs um für Sauberkeit zu sorgen und als Vorbild zu wirken. Sie finden gute Akzeptanz bei der Bevölkerung und die Vorbildwirkung ist beachtlich.
Barrierefreiheit = Sicherheit
Ein wesentlicher Sicherheitsaspekt ist die Barrierefreiheit. In Wien wird dieses Thema in Zu-sammenarbeit vieler Abteilungen und Menschen behandelt. DI Dr. Lichtenegger erläutert auch die innovativen Methoden die die Stadt hier anwendet. Die Wiener Linien arbeiten beispielsweise in Arbeitsteams mit Sehbehinderten zusammen, um viel von ihnen zu lernen und wichtige Details in die Planung mit einbeziehen zu können, wie etwa im Rahmen des taktilen Leitsystems oder auch der Ankündigung des Ausstiegs in der U-Bahn.
Als aktuelles Projekt zur Verbesserung des Sicherheitsgefühls in der Stadt nennt DI Lettner die Umgestaltung der Opernpassage/Karlsplatz, wo u.a. ein Leitsystem für sehbehinderte Menschen geschaffen wird. Im Bereich der Planung ist auch der Gender-Aspekt sehr wichtig. DI Lettner erläutert, dass es hier darum geht, Gehsteige/Fußgängerwege genau anzuschauen und bewusst Platz und Sicherheit zu schaffen für ältere Menschen, Menschen im Rollstuhl etc. Im 6. Wiener Gemeindebezirk wurde dazu beispielsweise ein Pilotprojekt durchgeführt.
Potential & Ausblick
Trotz vieler Maßnahmen gibt es in Wien aber auch noch einigen Verbesserungsbedarf im Bereich der Sicherheit. Wichtig ist hier vor allem in den öffentlichen Raum zu investieren und das Gefühl zu vermitteln, dass der öffentliche Raum wertvoll ist. In dem Bereich sind auch viele städtische Projekte in Umsetzung. Dabei werden laut DI Petuelli viele Meinungen eingeholt und es wird versucht sie bestmöglich umzusetzen. Die Bevölkerung soll erkennen, dass die Planungsabteilungen der Stadt mit ihnen gemeinsam einen Kompromiss finden wollen. Gleichzeitig ist es aber auch nötig, die Eigenverantwortung der Leute zu fördern und sich nicht nur auf die Stadtverwaltung zu verlassen.
Prof. Bricocoli meinte abschließend, dass Sicherheit in Wien kein Brennpunktthema ist, aber dennoch sehr wichtig für die Stadtverwaltung sei. Besonders wichtig sei es, die Menschen in neue Projekte zu involvieren, und die Möglichkeit zu geben, die kritischen Punkte zu erläutern und zu verstehen.
Informationen zur Ausstellung sowie zu den weiteren Donnerstags-Gesprächen finden Sie hier.